Historisches Gänßzinnß-Mahl

Das Neckarauer Historische Gänßzinnß-Mahl findet traditionell jährlich zu Jacobi statt.

Anlass ist der „Neckarauer Wegschnitt“ aus dem 17. Jahrhundert. Die mit dem Wegschnitt beauftragten Feldschützen mussten als Entgelt 12 Gänse, später sogar 24 Gänse, an den kurfürstlichen Hof abliefern.

In diesem Jahr fand das Essen zur Erinnerung an die Naturalabgabe unmittelbar an Jacobi, also am 25. Juli, im Jacobussaal in der Rheingoldstraße statt.

Wie in jedem Jahr wird eine Persönlichkeit als „Ehren-Gänßzinnß-Esser“ ausgezeichnet. Die Wahl fiel in diesem Jahr auf den Vorstandsvorsitzenden der MVV Energie, Herrn Dr. Georg Müller.

 

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seine Grußworte waren bemerkenswert und sie sind es wert, einem größeren Kreis zugänglich gemacht zu werden.

U.a. führte Herr Dr. Müller aus:

„Denn anders als man vielleicht meint, hat auch eine Demokratie, eine freiheitliche Grundordnung, Regeln; Regeln zur Entscheidungs­findung. Sie sind im Grundgesetz, in den Verfassungen der Länder und in den Gemeindeordnungen festgeschrieben. Darüber hinaus haben wir einen Kanon geübter Praxis, geübten Verhaltens, wie wir diese Regeln anwenden. Juristen nennen das „Verfassungsrecht und geronnene Verfassungspraxis“. Die Vereinten Nationen erkennen im Moment etwas mehr als 200 Staaten als solche an. Die meisten von ihnen sind von einem derartigen und belastbaren Grundverständnis weit entfernt; und zwar sowohl im Hinblick auf die geschriebenen Regeln wie das Anwendungsverständnis.

Ich weiß deshalb zwar nicht, ob wir auf das bei uns Erreichte stolz sein können oder sollen. Ich weiß aber – und davon bin ich zutiefst überzeugt – dass wir uns diese Werte nicht einfach aus der Hand nehmen lassen dürfen. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass wir uns genötigt sehen könnten, darauf irgendwann noch einmal ausdrücklich hinweisen zu müssen. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass scheinbare Selbstverständlichkeiten in Vergessenheit geraten oder gar in Abrede gestellt werden könnten. Trotzdem wird man immer wieder von Debatten überrascht, die selbst in scheinbar stabilen demokratischen Strukturen über solche Grundfragen aufbrechen. Das gilt aktuell für Polen und Ungarn, EU hin oder her. Und nichts Anderes gilt auch für die USA.

Um Vergleichbares in Deutschland zu verhindern, braucht es nicht nur Mahnung – so wie gerade formuliert. Es braucht auch Erinnerung, weil sie mit ihren Bildern wirkmächtiger ist. Es braucht die Erinnerung an andere Zeiten, an andere Verhältnisse, an andere Gepflogenheiten. Damit wir wieder sicher darin werden, dass trotz aller Mängel unseres Systems und unseres Verständnisses von Legitimität von Herrschaft, alle anderen Formen von Machtverteilung schlechter sind. Weniger ausgewogen, weniger frei, weniger gerecht, und weniger nachhaltig.

Wir lernen aus der Entwicklung der letzten Jahre also gerade, dass das Eis dünn ist, dass Demokratie eine sensible Pflanze ist, die gehegt und gepflegt werden muss. Der israelische Schriftsteller Yuval Harari fasst das pointiert zusammen (Zitat): Jeder beliebige Moment der Geschichte ist ein Scheideweg. Eine einzige Straße führt von der Vergangenheit in die Gegenwart, doch in die Zukunft führt eine unendliche Vielzahl von möglichen Wegen.

Die Erinnerung an die Neckarauer Schützen und ihr vergebliches Mühen um Milde mahnen eindringlich daran, uns für den richtigen Weg in diese Zukunft einzusetzen, aktiv und immer wieder. Sie erinnern die gewählten Herrschenden an von ihnen übernommene Verantwortung und gleichzeitig die wählenden Beherrschten an die Spielregeln einer repräsentativen Demokratie. Und sie erinnern uns alle daran, dass wir uns ständig an einer Wegscheide befinden: Welcher Weg ist der richtige, welchen Weg schlagen wir denn nun ein.“

Wenn wir Herrn Dr. Müller richtig verstanden haben, weist er einem Geschichtsverein wie dem unseren eine wichtige Aufgabe zu: Durch Beschäftigung mit der Vergangenheit Lehren für das gegenwärtige Handeln zu ziehen. Heute sind wir nicht mehr auf die Gnade der Herrschenden angewiesen. Wir können uns auf unsere Rechte berufen, ja, diese sogar vor Gericht durchsetzen. Und dieses Recht gilt es zu bewahren und zu schützen.

  Ein kleines Schauspiel, aufgeführt von Mitgliedern unseres Vereins, illustrierte die historische Begebenheit am kurfürstlichen Hof zu Heidelberg.

 

 

 

 

 

 

Regina Steegmüller erfreute die Gäste mit „Mannheimer Geschichten“.

Wolfgang Schubart zeichnete für die Tafelmusik Verantwortung.